OMR 2026, Tag 1: Das Klassentreffen der Digitalwirtschaft
Hamburg, 5. Mai 2026. Sehen und gesehen werden, Leute bewusst nicht hallo sagen, die man eigentlich kennt — und einmal im Jahr in einer anderen Welt landen.
- Wildberger liefert Substanz: 30% mehr KI-Startups, 120 Unternehmen in Sandbox-Projekten, agentische KI in Hamburger Genehmigungsverfahren — Deutschland setzt auf Infrastruktur statt Eigenentwicklung.
- Das Energie- und Datenzentrums-Problem ist global: Deutschland plant 6 GW bis 2030. Allein OpenAI braucht 250 GW. Die Dimensionen passen nicht.
- Scott Galloway mit schlechtestem Slidedeck und stärkstem Inhalt: in Amazon investiert bleiben (P/E 33 statt 58, eine Million Industrieroboter), Einsamkeitskrise junger Männer, US-Datenzentren-Lücke.
- Anthropic mit 11x Wachstum global, DACH unter den Top-Regionen. Claude Code wurde in 10 Tagen von 10 Menschen gebaut. Safety-First trifft deutschen Kulturfit.
- The energy and data center problem is global: Germany plans 6 GW by 2030. OpenAI alone needs 250 GW. The dimensions don't match.
- Scott Galloway: worst slide deck, strongest content. Stay invested in Amazon (P/E 33 vs. 58, one million industrial robots), the loneliness crisis among young men, the US data center gap.
- Anthropic with 11x global growth, DACH among the top regions. Claude Code was built by 10 people in 10 days. Safety-first meets German cultural fit.
Wer kennt es nicht?
Das jährliche Klassentreffen der Digitalwirtschaft hat wieder begonnen. Die OMR ist ein Phänomen, das man kaum erklären kann, wenn man nicht selbst dort war. Es ist Messe, Festival, Branchentreff, Selbstvergewisserung und Realitätscheck — alles in zwei Tagen. Wer im deutschsprachigen Digital-Business arbeitet, kommt hier zusammen, vergleicht sich, lernt, bezweifelt und feiert.
Tag 1 hatte viel zu bieten. Aus der Fülle des Programms habe ich drei Sessions herausgepickt, die mir am stärksten in Erinnerung bleiben — und an denen sich exemplarisch zeigt, wo die Digitalwirtschaft 2026 wirklich steht.
Die OMR (Online Marketing Rockstars) in Hamburg ist Europas größtes Festival für Marketing, Medien und Digitalwirtschaft. Über 70.000 Besucher, hunderte Speaker, tausende Aussteller. Gegründet von Philipp Westermeyer als Konferenz für Online Marketing, ist die OMR heute eines der wichtigsten Branchenereignisse für KI, B2B SaaS, Tech und Mediengeschäft im deutschsprachigen Raum.
Dr. Karsten Wildberger — Deutschland handelt. Aber reicht das?
Die Eröffnungsrede des Ministers für Digitale Transformation und Staatsmodernisierung sendete ein klares Signal: Deutschland handelt. Und tatsächlich liegen Zahlen auf dem Tisch, die anders klingen als das übliche „wir müssen aufholen"-Narrativ.
Die harten Zahlen
30% mehr KI-Startups als im Vorjahr. 120 Unternehmen in staatlichen Sandbox-Projekten. Agentische KI, die heute bereits in Hamburg Genehmigungsverfahren automatisiert. Das ist kein PowerPoint, das ist Realität. Wer in den letzten Jahren oft genug erlebt hat, dass deutsche Digitalpolitik primär aus Strategiepapieren bestand, durfte hier eine andere Tonlage hören: Es passiert etwas. Konkret. Messbar.
Der Staat als Plattform
Wildbergers Botschaft war auch: Der Staat soll Infrastruktur und Rahmen setzen, nicht selbst programmieren. Das ist ein bemerkenswerter Schwenk. Als Referenz nannte er das indische Aadhaar-Modell — eine staatliche digitale Identitätsplattform, auf der private Anbieter Lösungen aufbauen. Eine digitale Wallet mit Ausweis und Führerschein ist in Planung. Ebenso ein staatlich gesicherter Messenger für 80 Millionen potenzielle Nutzer. Alles richtige Richtung.
Die Frage, die mich nicht loslässt
Und doch bleibt mir eine Frage. Deutschland will die Rechenzentrumskapazität bis 2030 auf 6 Gigawatt verdoppeln und damit europäische Führung beanspruchen. Ich bin jemand, der grundsätzlich positiv nach vorne blickt. Aber wenn allein OpenAI 250 Gigawatt benötigt — das entspricht der gesamten aktuellen Stromkapazität der USA — und China sowie die USA in einer völlig anderen Größenordnung investieren, frage ich mich ernsthaft: Wie sollen wir mit 6 Gigawatt führen, wenn andere mit hunderten arbeiten?
Energie und Rechenleistung sind der Rohstoff der KI-Ära. So wie Öl die Industrialisierung getragen hat, trägt Strom die Intelligenz. Ich hoffe, dass wir diese Dimension wirklich verstanden haben. Denn Strategiepapiere und Sandbox-Projekte sind hilfreich. Aber wenn das physikalische Fundament fehlt, holen die schönsten Konzepte den Vorsprung der Hyperscaler nicht auf.
Scott Galloway — Schlechtes Deck, starker Inhalt
Ich wusste nicht, dass man mit so einem schlechten Slidedeck so gutes Geschäft machen kann. Der Inhalt war, wie auch in den vergangenen Jahren, erstaunlich stark. Galloway ist eines dieser Phänomene: Provokant, datengetrieben, zynisch, und dabei doch eine bemerkenswerte Mischung aus Wirtschaftsanalyse und Sozialkritik. Drei Punkte nehme ich mit.
Was mich an Galloway-Sessions immer fasziniert: Er bestätigt nicht, was die Branche hören will. Er sagt, was die Daten zeigen — auch wenn es unbequem ist. Genau das macht ihn relevant. Und meine eigene Haltung zu Gesundheit, Fokus und bewusstem Smartphone-Entzug fühlt sich nach dieser Session weniger wie eine private Marotte an, sondern wie eine ökonomisch und gesellschaftlich richtige Entscheidung.
Roman Howe (Anthropic) und Christian Byza (Purple AI) — Das Tech-Highlight
Das Tech-Highlight des Tages. Anthropic verzeichnet 11-faches Jahreswachstum weltweit, DACH ist eine der am schnellsten wachsenden Regionen. Der Grund ist nachvollziehbar — und für deutsche Unternehmen strategisch relevant: Ein Safety-First-Ansatz trifft auf deutschen Kulturfit. Vertrauen ist hier kein Soft Skill. Es ist ein Wettbewerbsvorteil.
Was mich wirklich umgehauen hat: Claude Code — das Tool, das ich täglich nutze und auf dem auch Teile dieser Website entstehen — wurde in 10 Tagen von 10 Menschen gebaut. Wahnsinn, was heute möglich ist. Ein Produkt, das die Art verändert, wie Tausende von Entwicklern, CROs und Operators arbeiten, gebaut von einem winzigen Team in der Zeit, in der manche Konzerne noch über das Briefing für ein Tool diskutieren.
"Vertrauen ist kein Soft Skill. Es ist ein Wettbewerbsvorteil."
— Roman Howe, Anthropic Head of Germany (sinngemäß / paraphrased)Für mich als CRO ist das eine doppelt wichtige Botschaft. Erstens: Geschwindigkeit ist ein Funktionsergebnis kleiner, fokussierter Teams mit guten Werkzeugen — nicht von Heerscharen mit Templates. Zweitens: Wer KI im B2B-SaaS-Kontext einsetzen will, muss Sicherheit, Nachvollziehbarkeit und Auditierbarkeit nicht nachträglich aufkleben, sondern als Architekturprinzip wählen. Genau dort entsteht der DACH-Vorteil.
Danke und Vorfreude auf Tag 2
Ein besonderer Dank an Philipp Westermeyer und das gesamte Team der OMR. Jedes Jahr wieder eine Klassenleistung. Was hier in Hamburg auf die Beine gestellt wird, hat eine Qualität, die man im internationalen Vergleich selten findet — Format, Programm, Atmosphäre.
Morgen wartet die Slideschlacht mit Pip, auf die ich sehr gespannt bin. Und dann der Doppelgänger Tech Talk Podcast live, mit Philipp und Philipp. Als einer der Top 1 % Hörer laut Spotify sage ich: Diesem Podcast habe ich viel zu verdanken. Er hat mein Denken über Business, Technologie und Gesellschaft nachhaltig verändert. Morgen live dabei zu sein, ist etwas Besonderes.