OMR 2026, Tag 2: Reddit, AI Overviews und Klöckners Realität
Tag 2 war substanzieller als Tag 1. Drei Sessions, eine Fledermaus auf der Main Stage — und die ehrlichste KI-Bestandsaufnahme des Jahres.
- Reddit ist die meistunterschätzte Marketing-Plattform 2026: Platz 2 in Google AI Overviews, 500 Mio. aktive Nutzer/Woche, 40 % aller Posts mit kommerzieller Relevanz.
- AI Overviews fressen 15–30 % organischen Traffic: Über 250 Mio. Klicks pro Monat verlieren deutsche Websites — Chunking, Listicles und YouTube sind die einzigen Gegenstrategien.
- 790 Mrd. Dollar in Datenzentren in 2025: 2 Mrd. pro Werktag, mehr als Manhattan-Projekt, Marshall-Plan und Apollo zusammen — Anthropic dominiert mit 3 von 4 Enterprise-Dollar.
- Standard-KI-Output ist keine Führung: Wer KI nutzt wie alle anderen, klingt wie alle anderen. Eigenes Profil, eigener Stil, eigene Daten.
- AI Overviews eat 15–30 % of organic traffic: German sites lose 250M+ clicks per month — chunking, listicles and YouTube are the only counter-strategies.
- $790B in data centers in 2025: $2B per workday — more than Manhattan, Marshall and Apollo combined. Anthropic dominates with 3 of 4 enterprise AI dollars.
- Default AI output is not leadership: Use AI like everyone else, sound like everyone else. Own profile, own style, own data.
Hamburg, 6. Mai 2026 — der Rhythmus ist da
Tag 2 der OMR beginnt anders als Tag 1. Die erste Aufregung ist weg, der Rhythmus ist da. Wer kennt es: Man trifft zwischen den Sessions Leute, die man eigentlich nur aus LinkedIn kennt, und redet dann doch zwanzig Minuten über irgendetwas ganz anderes als geplant. So war das auch heute.
Zwischen den Sessions ein kurzes Gespräch mit dem Gründer von Trustpilot über Einstellungsprozesse von damals und heute. Ein Wiedersehen mit Anabell und Nathalie von XING. Und einer dieser seltenen Momente, in denen einem eine Idee kommt, die man sich schnell aufschreibt: Wie lassen sich Themen rund um technische Dokumentation noch besser als Content bespielen?
Aber der Reihe nach. Drei Sessions haben Tag 2 geprägt — und alle drei lohnen die ausführliche Aufarbeitung.
Session 1: State of the Internet 2026
Die jährliche State-of-the-Internet-Präsentation ist für mich inzwischen ein fester Anker auf der OMR. Das Format ist bewährt: Gewinner, Verlierer, Makrotrends, konkrete Marketingstrategien.
Die Gewinner: Gründer unter 30, Theme Parks und Google
Das stärkste Bild gleich zu Beginn: Eine neue Generation von Gründern unter 30 baut Milliarden-Unternehmen. Kalshi als Prediction-Market-Plattform, Axiom für mathematische Problemlösung, Mercury als KI-Experte für KI-Modelle. Zusammen kommen diese jungen Gründer auf einen kombinierten Wert von 100 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Der gesamte deutsche DAX bringt es auf 300 Milliarden Marktkapitalisierung. Das ist kein Angriff auf Deutschland — aber es ist ein Bild, das man sich merken sollte.
Was mich überraschend mitgenommen hat: Theme Parks als Wachstumsthema. Digitale Marken werden zu physischen Erlebnissen. Disney macht 10 Milliarden Dollar mit Parks. Netflix baut ein Netflix House in Philadelphia. Es gibt einen Minecraft Park in England, einen Pokémon Park in Tokio. Und dann, als deutsches Beispiel: Karls Erdbeerhof mit 14 Standorten und Plänen für Kalifornien. Das Prinzip ist dasselbe, die Umsetzungen sind sehr unterschiedlich.
Auch Google gehört zu den Gewinnern: Fünf Nobelpreise in zwei Jahren an aktuelle oder ehemalige Mitarbeiter. Das sagt mehr über die Tiefe des Unternehmens als jede Quartalszahl.
Die Verlierer: Bitcoin, Cannabis und das Informatikstudium
Bitcoin hat seit Trump 25 Prozent verloren — obwohl eine kryptofreundliche Regierung das Gegenteil erwarten ließ. E-Rezept und Doctolib-Aktie haben sich nicht wie erhofft entwickelt. Cannabis-Legalisierung hat nicht zu den erwarteten Kursgewinnen geführt.
Das interessanteste Verlierer-Bild: das klassische Informatikstudium. Absolventen haben in den USA derzeit eine ähnlich hohe Arbeitslosenquote wie Absolventen darstellender Künste. Ein Datenpunkt, über den ich immer noch nachdenke.
Reddit: die wichtigste Marketing-Plattform, über die kaum jemand redet
Hier wurde es operativ. Reddit liegt auf Platz 2 der meistzitierten Domains in Google AI Overviews, direkt hinter YouTube. 500 Millionen aktive Nutzer pro Woche. 40 Prozent aller Reddit-Posts haben kommerzielle Relevanz. Reddit hat in den letzten zwei Jahren Bild, Spiegel und Zeit in der Google-Sichtbarkeit überholt.
Die Strategien, die vorgestellt wurden, sind konkret und sofort umsetzbar:
Das Prinzip dahinter ist immer dasselbe: zuhören, bevor man spricht. Reddit-Subreddits beobachten, Reddit Answers und Reddit Pro Trends nutzen, echte Diskussionen verstehen. Dann in die Community einsteigen — nicht als Marke, sondern als Mensch.
AI Overviews fressen den SEO-Traffic
Das ist das unangenehme Thema, das viele noch nicht laut aussprechen wollen: Google AI Overviews ziehen zwischen 15 und 30 Prozent des organischen Traffics ab. Für deutschsprachige Websites gehen über eine Viertel Milliarde Klicks monatlich verloren.
Chunking: Inhalte in atomare Häppchen aufteilen — eine Frage, maximal zwei Sätze Antwort. Die Techniker Krankenkasse macht das mit FAQ-Format konsequent. Listicles: Bestenlisten funktionieren besonders gut. Brevo schafft es mit einem eigenen Listikel über E-Mail-Marketing-Tools in die AI Overviews. YouTube: Die meistzitierte Domain in AI Overviews. Titel, ausführliche Beschreibung, Kapitel-Einteilung, sauberes Transkript. Westwing zeigt mit einem einfachen Video über Flur-Dekoration, wie das in der Praxis aussieht.
Micro-Shows als Content-Format der Stunde
730 Milliarden Stunden in KI-Apps im Jahr 2024 — verglichen mit 2,5 Milliarden Stunden auf Social Media. Bei Instagram sind nur noch 7 Prozent des Contents tatsächlich von Freunden oder gefolgten Accounts. Der Rest ist Algorithmus.
In diesem Umfeld setzen Marken auf Micro-Shows: Hochkantvideo, 60 bis 180 Sekunden, episodisch, mit Wiedererkennungseffekten. Die Beispiele waren beeindruckend in ihrer Bandbreite: "IT-Praxis Dr. Bauer" mit über 100.000 Followern und 250.000 Euro Merchandise-Umsatz. The Cheese Store of Beverly Hills mit 300 Millionen Views. Ein Rasur-Fachladen aus Lübeck: 36 Millionen Views, Umsatz versechsfacht.
Die Empfehlung ist klar: mit Formaten experimentieren, dann dabei bleiben. Wiedererkennbarkeit im Feed ist alles.
Session 2: Philipp Klöckner — "Beyond the AI Hype"
Auf diese Session habe ich mich seit Monaten gefreut. Die Slideschlacht hat gehalten, was sie versprochen hat. Philipp Klöckner hat sechs verschiedene AI-Agenten für die Vorbereitung dieser Keynote genutzt: ChatGPT, Gemini, Claude, Grok, ein chinesisches Modell und DeepSeek. Das Ergebnis war ein Vortrag, der mehr Substanz hatte als die meisten, die ich in den letzten Jahren gehört habe.
Die nüchterne Bestandsaufnahme
KI hat sich im letzten Jahr stärker weiterentwickelt als je zuvor. Die Fähigkeiten der Modelle haben sich massiv verbessert. Bildgenerierungsmodelle erreichen eine neue Qualitätsebene: keine kaputten Schriften mehr, keine Artefakte. KI kann inzwischen einen halben Tag lang autonom arbeiten und komplexe Aufgaben mit 50 Prozent Erfolgswahrscheinlichkeit abschließen.
Gleichzeitig: Die Nutzungskosten sinken dramatisch. Faktor 10 bis 100 günstiger als vor einem Jahr. Ein 1.000-Seiten-Buch wie "Krieg und Frieden" könnte heute in einer Minute für 15 Cent generiert werden. Erstmals gibt es mehr KI-generierte Texte im Internet als menschlichen Content.
Die Investitionsdimension, die alles übersteigt
2024 flossen 400 Milliarden Dollar in Datenzentren. 2025 werden es voraussichtlich 790 Milliarden sein. Das entspricht 2 Milliarden Dollar pro Werktag, allein für neue Datenzentren. Diese Investitionen übertreffen zusammen das Manhattan-Projekt, den Marshall-Plan, das Apollo-Programm und die Internationale Raumstation. Big Tech verschuldet sich netto, um mehr zu investieren als die Konzerne aktuell verdienen. Etwa 80 neue Kernkraftwerke werden benötigt, um den Energiebedarf zu decken.
Das ist die Zahl, die meine Frage von Tag 1 noch dringlicher macht: 6 Gigawatt für Europa bis 2030, während die Welt 790 Milliarden Dollar pro Jahr versenkt. Die Größenordnungen passen nicht zusammen.
Wer gewinnt den KI-Markt? Anthropic.
Im B2B-Bereich ist die Antwort gerade sehr klar: Anthropic. Drei von vier Dollar, die Unternehmen für KI ausgeben, gehen derzeit zu Anthropic. OpenAI stagniert im Enterprise-Markt. Google Gemini legt durch kostenlose Angebote und Distribution über 9 Apps mit jeweils über einer Milliarde Nutzern stark zu.
Anthropics Weg zum Marktführer: Fokus auf B2B-Kunden, Software-Entwicklung, höhere Kundenbindung. Durchschnittliche KI-Verträge sind von 40.000 Dollar (2023) auf prognostizierte 1 Million Dollar (2025) pro Unternehmen gestiegen. Spannend: Klöckner hat mitbekommen, dass Anthropic wohl bei 44 Milliarden Dollar Jahresumsatz liegen und OpenAI überholen könnte.
China und die Rohstofflogik der KI
Das unbequemste Bild des Tages: China entwickelt Modelle mit einem Zwanzigstel der US-Kosten und erreicht ähnliche Leistung. DeepSeek kostet weniger als 1 Prozent der US-Modelle bei etwas geringerer Leistung. China "destilliert" das Wissen aus US-Modellen und bietet es deutlich günstiger an. Viele Startups nutzen bereits die günstigeren China-Modelle. China wird zur KI-Fabrik der Welt für günstige Modelle.
Für Deutschland besonders ernst: Kein eigenes großes LLM-Modell. 90 Prozent der KI-Chips werden in Taiwan hergestellt. Die einzige sinnvolle Strategie: an eigenen Daten festhalten und Wertschöpfung aus diesen Daten sicherstellen.
Die Realität der Nutzung
Über 80 Prozent der Unternehmen experimentieren mit KI — aber die meisten sind noch in Pilotphasen. Zwei Drittel der KI-Nutzer geben nach einem Monat wieder auf. 75 Prozent der KI-Nutzer machen weniger als 10 Konversationen pro Woche. Nur einer von fünf Mitarbeitern bekommt überhaupt Zugang zu einem Chatbot vom Arbeitgeber.
Und dann der Satz, der im Raum hängen blieb: Nur 0,3 Prozent der Bevölkerung hat jemals etwas mit KI gebaut. 80 Prozent der Menschen haben noch nie KI genutzt. Das Marktpotenzial liegt noch fast vollständig vor uns.
Der Standard-KI-Output ist keine Führung
KI-generierter Content überschwemmt das Internet mit immer gleichen Phrasen. Selbst CEOs lassen ihre Reden überwiegend von KI schreiben. Klöckner brachte es auf den Punkt: Standard-KI-Output zeugt von Unsicherheit, nicht von Stärke. Menschlicher Content sollte mit einem "Bio-Siegel" ausgezeichnet werden — ähnlich wie Spotify es für menschliche Artists bereits eingeführt hat.
"Wer KI so benutzt wie alle anderen, klingt wie alle anderen. Standard-Einstellungen ablehnen — eigener Stil, eigene Daten, eigene Stimme."
— Sinngemäß nach Philipp Klöckner / OMR 2026Session 3: Doppelgänger Podcast Live
Als einer der Top 1 Prozent Hörer laut Spotify war dieser Moment etwas Besonderes. Philipp Klöckner und Philipp Glöckler live in Hamburg, mit einer Halle voller Menschen, die den Podcast offensichtlich genauso begleitet wie ich.
Was ich nicht erwartet hatte: Die Ehrlichkeit, mit der die beiden über die eigene Konferenz-Routine geredet haben. Der typische OMR-Tag sieht so aus: 1 bis 2 Vorträge am Vormittag, ab 11 Uhr Hotel Vier Jahreszeiten zum Netzwerken und Essen. Der Podcast existiert, so die ehrliche Aussage, hauptsächlich um diese mehrtägigen Hotelbesuche zu rechtfertigen. Das hat die Halle zum Lachen gebracht — und es war einer dieser Momente, in denen man merkt, warum dieses Format funktioniert.
Das Bild des Tages: die Fledermaus
Während der Hauptkeynote "German State of Internet" flog eine Fledermaus durch die Halle. Die Art, wie das kurz für Verwirrung, dann für Gelächter und dann für einen LinkedIn-Post nach dem anderen gesorgt hat, zeigt, was die OMR im Kern ist: ein menschliches Ereignis, das auch mit bester Vorbereitung immer wieder für Momente sorgt, die man nicht planen kann.
Mein Fazit zu Tag 2
Tag 2 war substanzieller als Tag 1. Die State-of-the-Internet-Präsentation hat konkrete Handlungsoptionen geliefert (Reddit, AI Overviews, Micro-Shows), die ich direkt mitnehme. Klöckners Vortrag war das intellektuell dichteste, was ich auf der diesjährigen OMR gehört habe: nüchtern, datenbasiert, und in seiner Analyse zu Deutschland und Europa ehrlicher als die meisten politischen Aussagen vom Vortag. PIP ist der Hammer.
Der Doppelgänger Podcast live zu erleben war für mich persönlich besonders. Diesem Podcast habe ich viel zu verdanken. Er hat mein Denken über Business, Technologie und Gesellschaft nachhaltig verändert — schon in den letzten 4–5 Jahren. Und heute war es einfach nochmal super, die beiden live zu sehen. Welch eine Freude. Ich liebe den Humor der beiden — schließlich nicht umsonst Top-1-Prozent-Hörer auf Spotify.
Und eine Fledermaus war auf der Main Stage auch noch dabei. Nicht schlecht für einen Mittwoch in Hamburg.
Bisschen freundlicheres Wetter in Hamburg, besseres und mehr Kaffee — und wie schon kürzlich auf der FIBU, so auch hier in Hamburg: das Essen auf Messen kann man einfach vergessen (zumindest wenn man so gesund leben möchte wie ich).